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Predigt in der Christvesper
am Heiligabend
24. Dezember 2017

gehalten von
Inselpastor Christian Neumann

„O Tannenbaum“
 

Dieser Weihnachtsbaum in der Inselkirche ist die Spende eines Insulaners.

Aufgrund seiner Größe und weiterer Umstände gab es Schwierigkeiten bei der Fällung, was zur Beschädigung des Baumes und zum Abbruch der Baumspitze führte.

Wie es dennoch zu diesem „schönen Baum“ kam und weshalb das eine Weihnachtsgeschichte ist,
hat die hier abgedruckte Predigt zum Inhalt.
 

Predigt

Ehre sei Gott in der Höhe und Friede mit euch, den Menschen seines Wohlgefallens. Amen.

I.
Liebe Gemeinde am Heiligen Abend,
viele Menschen, die in dieser Woche und heute Abend in die Kirche gekommen sind, hatten nach durchschreiten der Tür einen anderen, gelasseneren, strahlenderen Gesichtsausdruck. Und nicht wenigen entfuhr ein „wie schön“.
Ich weiß nicht wie es Dir oder Dir heute gegangen ist – ob eher der Stress, „wo können wir noch sitzen?“, oder noch der Ärger, warum sie wieder so lang vorm Spiegel gebraucht hat, oder die Sorge, dass nachher unterm Tannenbaum ja alles gut wird, Dich umtrieb.
Aber dann irgendwann hat sich das vielleicht doch eingestellt: der Stern, die Kerzen, die Musik, die Krippe, der Baum: „wie schön“!?
Ich glaube, am Heiligabend hoffen wir darauf und tragen mehr als sonst die Sehnsucht danach in uns, dass nicht nur ein Abend, sondern dass diese Welt, dass unser Leben, ja dass wir selbst „schön“ sein mögen.
Und wir tun viel dafür, dass dieses „Weihnachtsgeschenk“ für uns und die, die zu uns gehören, sozusagen unterm Baum liegt.
Zum Fest äußert sich die grundlegende Sehnsucht nach der heilen, nach der geheilten Welt, in einem Moment des Jahres, an dem einmal alles stimmt, alles glückt und eigentlich alles perfekt ist. Das perfekte Kleid, das perfekte Essen, das perfekte Geschenk, der perfekte Baum.

„Weihnachten wird unterm Baum entschieden“, ließ uns Perfektionisten vor einigen Jahren der Media Markt wissen.
Welche Bedeutung der Tannenbaum für einheimische Gemüter hat, kann man Jahr für Jahr bei den Diskussionen um den „richtigen“ Weihnachtsbaum verfolgen: schlicht oder bunt, Strohsterne oder Girlanden, rote Kugeln oder eher doch keine, Nordmanntanne oder Fichte (Baum des Jahres 2017), echte Kerzen oder doch elektrisch! Auf jeden Fall: Früher war mehr Lametta!

Für nicht wenige scheint das halbe Weihnachtsfest in Gefahr zu geraten, wenn der Busch, den man da aufstellt, zu wenige Zweige hat und eher an ein Mahnmal gegen das Waldsterben erinnert. Hatte der Media Markt also recht: „Weihnachten wird unterm Baum entschieden?“ Interessanterweise besingt keines unserer Weihnachtslieder im Evangelischen Gesangbuch den Tannenbaum. Kirchenmusikalisch leben wir sozusagen oberhalb der Baumgrenze. Die beiden Songs heute haben den Weg von außerhalb in unser Liedblatt gefunden.

II.
„O Tannenbaum, o Tannenbaum, du kannst mir sehr gefallen,“ haben wir gesungen.
Unser Weihnachtsbaum heute in der Kirche hat so seine Geschichte. Erich Freimuth hat ihn vor etlichen Wochen der Kirchengemeinde zum Fällen angeboten. Dabei war allen klar: das wird nicht ganz einfach. Ein großer Baum, noch zweieinhalb Meter höher, als er hier steht, weiter hinten im Grundstück und ringsum mit Zäunen, Mauern und Gebäuden umbaut.
Vor zwei Wochen kamen alle Beteiligten zusammen. Als nach einigen Beratschlagungen Tim Winston die Säge angesetzt und die Nachbarn mit Seilen den Baum in die richtige Richtung gezogen hatten, fiel er – wie geplant – über eine halbhohe Mauer. Aber doch aus so großer Höhe und in so spitzem Winkel, dass die Baumspitze auf einer Länge von 2,20 m abbrach. An der Mauerkante brachen zudem einige große Äste in der Mitte aus.
Alle Aktiven waren unversehrt geblieben, doch da lag nun der Baum, stark lädiert, gebrochen, traurig auf dem Rasen.
Und auch die Stimmung war geknickt. Ich bin ehrlich: an diesem Samstagnachmittag habe ich den Baum eher im Kamin als in der Kirche gesehen. O Tannenbaum, so kannst du mir nicht gefallen. Die Langeoognews titelten: „Kein Baum für die Inselkirche.“

III.
Aber hier sollte die Geschichte nicht enden.
„O Tannenbaum, o Tannenbaum, dein Kleid will mich was lehren.“
Nach und nach reifte in mir ein anderer Gedanke. Als ich Erich Freimuth am 18. Dezember zum Geburtstag besuchte, wollte ich ihm eigentlich einen Vorschlag machen: man könnte den Baum doch vielleicht reparieren, irgendwie flicken, die Spitze wieder dranmontieren. Ich selbst habe zwar zwei linke Hände, aber andere mit mehr Geschick…
Als ich jedoch im Melkerpad ankam, traute ich meinen Augen nicht: Da lag der Baum, aufgebockt, damit die Zweige geschont werden, und mit neu aufgesetzter alter Spitze. Dem alten Handwerker hat ein bisschen Bauschaum geholfen, um die Bruchstelle zu heilen. Erst bei genauerem Hinsehen ist er als lädiert, schief gefallen und gebrochen zu erkennen. Ein richtiger Weihnachtsbaum. Ohne viele Worte waren wir uns einig und stießen nicht nur auf den Geburtstag an.

Fleißige Helfer haben unseren Baum hier aufgestellt, Küster und Pastor ihn mit Lichtern versehen, die Konfirmandinnen festlich geschmückt – wie alle Jahre wieder.
Und viele kommen herein und sagen: „Ein schöner Baum“.
Ja, so ist es. Ein Baum, mit einer wie ich finde ganz eigenen Schönheit. Ich denke, dieser Baum kann uns was lehren, ist heute eine eigene stille Weihnachtspredigt.

IV.
„O Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter. Du grünst nicht nur zur Sommerzeit…“
Hier unterm Baum sitzen wir mit dem, was grünt in unserem Leben und hoffnungsfroh ist, und genauso mit dem was, wir an Enttäuschungen, Zerbrochenem und Trauer zum Weihnachtsfest in uns tragen.
Da ist im letzten Jahr in einer Familie ein Kind geboren worden, es ist heute zum ersten Mal unterm Tannenbaum dabei.
Jemand hat eine neue Arbeit gefunden, unerwartet und freut sich darüber.
Ein Mann hat sich keinen Weihnachtsbaum aufgestellt, er ist dazu nicht in der Stimmung, denn seine Frau ist vor einiger Zeit verstorben. Letztes Jahr haben sie noch zusammen gefeiert, jetzt ist er allein.
Eine Frau hat vor einigen Monaten erfahren, dass sie eine schwere Krankheit hat. Sie fragt sich, wie oft sie noch Weihnachten feiern wird.

Gerade an Weihnachten denken wir an das, was sich verändert hat, was nicht immer gleich grün bleibt wie die Zweige des Baumes. Wir bringen das mit, wo wir geknickt sind, unser Leben lädiert, gebrochen.
Und gerade an diesem Abend kommt zum Tragen, dass es zum Fest oft nicht so harmonisch zugeht, wie wir es uns wünschten.
Da ist man anders als im Alltag über die Feiertage auf einander geworfen, darf und muss miteinander die Zeit teilen.
Wie oft hat nicht zur Weihnachtszeit uns das dünnhäutiger gemacht als sonst. Weihnachten ist auch ein bedrohliches Fest, weil Sehnsucht, hochgesteckte Erwartung und Realität erbarmungslos aufeinandertreffen und Menschen wehrloser oder auch reizbarer als sonst machen kann – wie piksende Tannennadeln.

Unser Baum in der Inselkirche steht da: Die Spitze ein wenig schief, gebrochen aber wieder geflickt, ein paar Äste fehlen, ein paar sind lädiert, aber die anderen sind schön geschmückt und leuchten. Unser Weihnachtsbaum in diesem Jahr ist nicht perfekt
– und er soll es auch gar nicht sein.
Ich denke, ein Widerspruch gegen den Perfektionismus, gegen Leistungs- und Erfolgszwang drückt sich in diesem Weihnachten aus. Wir können nicht alles selbst herstellen – nicht mal das Gelingen eines Festes. Und wir haben unser Leben nicht gänzlich selbst in der Hand: der Wunsch nach geglückten Beziehungen, nach dem Zulassen von Gefühlen und die Befürchtung, dass sie einen überfluten, stecken tief in uns. Für unser Leben müssen wir uns mehr schenken lassen, als man kaufen kann.
Das kann man im Anblick des Baumes entdecken.
Davon leben wir – nicht nur zur Weihnachtszeit.
Davon singen (und brummen) wir - jedes Jahr neu.
Darum bitten wir auch heute Abend:
Dass der göttliche Segen in unser Leben kommt. Dass der Segen Gottes, der im Kind in der Krippe anschaulich wurde, nicht im Stall bleibt, sondern auch zu uns unter den Baum einkehrt.
Darum bitten wir, dass wir in dieser manchmal so unwirtlichen, oft so gebrochenen und lädierten Welt ein Stück Heilung, ein Stück Heil erfahren und sehen dürfen. Dass auch zu uns gesagt werde: „N‘ beten scheef, hat Gott leef!“

V.
„O Tannenbaum, o Tannenbaum, dein Kleid will mich was lehren.“
Ein Weihnachtsbaum will geschmückt sein und alles, was an den Zweigen hängt, hat seine eigene Symbolik:

• Die Strohsterne erinnern Dich an den Stern von Bethlehem, der den Weisen aus dem Morgenland den Weg zum Kind im Stroh der Krippe wies.
• Die Engel führen uns die himmlischen Boten vor Augen, die den Hirten und allem Volk die Botschaft nahebrachten vom himmlischen Kind, das ein furchtloses Leben und den Frieden auf Erden begründete.
• Die Lichter auf den Zweigen verweisen auf das Licht, das denen, die im Dunkeln leben, scheint, auf den, der zum Licht der Welt geworden ist
und den Glanz Gottes, der auch in unserem Leben aufleuchtet.
• Und anders als sonst hängt in diesem Jahr auch ein Apfel im Baum, der bei vielen zuhause im Lauf der Jahre zur Christbaumkugel geworden ist. Denn der Weihnachtsbaum erinnert an den Baum im Paradiesgarten, an Adam und Eva und ihren Bruch mit dem Urgrund des Lebens.
„Heut schließt er wieder auf die Tür zum schönen Paradeis; der Cherub steht nicht mehr dafür. Gott sei Lob, Ehr und Preis!" heißt es in einem Weihnachtslied (EG 27,6).
Mit seinem Schmuck und dieser Symbolik wird ein Tannenbaum nicht nur zum Weihnachtsbaum, sondern zum Christbaum – zu einem richtigen Fingerzeig zum Himmel und zum Hinweis auf das Kind in der Krippe.

Insofern ist Weihnachten nicht nur ein Erinnern der eigenen Lebensgeschichte, eine Reise in die Kindheit, in ein Land der Sehnsucht, die wir auch gerade als erwachsene, vernünftige, durch die Realität und Lebenserfahrung zurechtgestutzte Menschen erleben möchten.
Weihnachten ist auch eine Sehnsucht nach dem Paradies, nach einer Welt ohne Bruch, ohne Vertreibung, ohne Schuld und Urteil.
Und insofern ist Weihnachten eine Reise in die Heilsgeschichte, in die Heilungsgeschichte Gottes mit uns Menschen. Diese Heilsgeschichte hat in der Geburt in Bethlehem ihre Mitte. Und der Christbaum in unserer Inselkirche vermag in besonderer Weise auf diese Geburt hinzuweisen, denn auch die war ja nicht perfekt.
Ein unverheiratetes Paar erwartet ihr erstes Kind. Umgetrieben von der Willkür der Mächtigen landen sie fast obdachlos im Stall, wo der erste Sohn geboren wird. Arme Leute stellen sich als erste Besucher ein. Und selbst die Weisen verirren sich auf ihrer Suche nach dem Kind – nicht Jerusalem, sondern Bethlehem ist ihr Ziel.
Ja sogar nur wenige Tage nach der Geburt ist die junge Familie schon wieder auf der Flucht vor den Terrorakten eines Herrschers und sucht im Ausland Asyl.

So kommt Gott in unser Leben! Er begibt sich vom Himmel auf dem absteigenden Ast in die Welt.
Die Geburt des Gottessohnes ereignet sich in einer nicht-perfekten, einer aufgeriebenen Welt bei einfachen Leuten, die zum Spielball des Lebens geworden sind. Mit dieser Geschichte im Ohr und im Herzen ist der Christbaum darum immer auch der Hinweis auf die, deren Leben gebrochen, lädiert, umgeworfen worden ist. Wer einen Christbaum aufstellt, kann darum gar nicht anders, als selbst neue Hoffnung in die Welt zu pflanzen für die, die unsere Hilfe brauchen.
Die Werbung für „Brot für die Welt“ kommt aber erst später.

VI.
„O Tannenbaum, wie treu sind deine Blätter. Du grünst nicht nur zur Sommerzeit…“

Mal eine spontane Umfrage:
Bei wem von Euch, steht der Christbaum an einem Platz, wo er das ganze Jahr über stehen könnte, wo nichts zur Seite geräumt werden muss? [Fingerzeig]
Und bei wem muss zuerst – wie hier in der Kirche auch – etwas umgestellt werden? [Fingerzeig]
Was lehrt uns der Christbaum?
Räume zu Weihnachten deine Perfektionsansprüche aus dem Wohnzimmer des Lebens!
Überfordere Dich nicht. Erwarte auch nicht von den anderen, dass sie Dir ein perfektes Weihnachten liefern! Lebe mit den Brüchen – lebe neu auf. Unterschätze dich nicht – Du bist schön. Du bist wichtig für Gott und die Menschen.
Auch ohne „Spitzen“-Leistung bist Du ein Kind Gottes.
Achte die Momente, in denen Du schmerzhaft zu Fall gekommen bist – sie bergen die Chance, Dich ganz neu aufzustellen.
Du darfst gebrochen, lädiert, mit deinen Irrtümern und Unzulänglichkeiten dennoch leben!

Das soll heißen: Deine Ehe mit all ihren Widrigkeiten und Enttäuschungen, halte sie hoch. Deinen Beruf mit all seinen Misslichkeiten, sei dankbar. Deine Kinder, wie immer sie sich entwickelt haben, behalte sie lieb. Deine Gesundheit mit all ihren Einbußen, schätze sie wert. Dein Land, Deine Heimat, Deine Insel, verabschiede dich nicht, auch wenn Dir manches nicht passt; klinke Dich nicht aus, gestalte mit. Deine Kirche mit all ihren Enttäuschungen und Fehlern – erinnere Dich, wie wichtig sie Dir in manchen Zeiten Deines Lebens war.
Das Umräumen im Perfektionismus-Wohnzimmer ist vielleicht nicht einfach. Sicher auch nicht immer angenehm. Du darfst Dir helfen lassen. Deswegen heißt immer das erste Wort, das Engel sagen müssen: Fürchte dich nicht!
Das ist sozusagen der Bauschaum, mit dem Gott seine lädierte Welt noch zusammenhält und sie heilt. „Fürchte dich nicht!“ Diese Botschaft singen Dir Engel heute ins Ohr.
Diesen Lebensgrund gibt Dir Gottes Liebe in Dein Herz.
Diesen grünen Zweig der Hoffnung machen wir heute für unsere Welt stark. Fürchtet euch nicht!

Wir haben uns Weihnachten für diesen unperfekten aber schönen Baum entschieden. Er sei unser gebrochener, lädierter, gefallener und wieder „heile gemachter“ Hinweis in der Inselkirche auf das Kind in der Krippe, Jesus Christus, der uns zum Bruder und Helfer geworden ist. Ich finde ihn schön wie er ist.
Und ich finde es wunderschön mit Euch, wie Ihr seid, hier diesen Abend der Geburt Jesu zu feiern!

Liebe Schwestern und Brüder,
Ich wünsche Euch – an welchem Ort und wie perfekt oder improvisiert Ihr heute auch weiterfeiert –
in Euren Häusern und Wohnungen, in Euren Familien,
Euren Partnerschaften und Freundschaften,
und Euch, die Ihr heute Nacht allein bleibt,
gesegnete und darum frohe Weihnachten. Amen.