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Predigt am 13. Sonntag nach Trinitatis (29.8. 2010)

 

Visitations-Gottesdienst

Pastor Torsten Both

Text: Apostelgeschichte 4, 32-35


32 Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele; auch nicht einer sagte von seinen Gütern, dass sie sein wären, sondern es war ihnen alles gemeinsam.


Die ursprünglich einmal große Menge der Gläubigen war sehr geschrumpft. Die meisten der Übriggebliebenen blieben doch lieber auf Distanz zum Gottesdienst und zu den Veranstaltungen der Gemeinde. Und die man zum inneren Kern der Gemeinde zählen konnte, die waren sich auch nicht immer grün. Von wegen alles gemeinsam – Das ist mein Raum. Das ist unser Schrank. Kinder im Gemeindehaus machen Dreck. Und Bläser im Gemeindehaus machen Krach.
33 Und mit großer Kraft bezeugten die Apostel die Auferstehung des Herrn Jesus, und große Gnade war bei ihnen allen.


Das Predigen und vom Glauben zu erzählen, das überließen der Kirchenvorstand und die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter gern dem Pastor. „Er hat das schließlich gelernt. Ich mache hier still meine Arbeit, das genügt mir.“


34 Es war auch keiner unter ihnen, der Mangel hatte; denn wer von ihnen Äcker oder Häuser besaß, verkaufte sie und brachte das Geld für das Verkaufte 35 und legte es den Aposteln zu Füßen; und man gab einem jeden, was er nötig hatte.


Die meisten auf der Insel lebten ganz gut. Aber mit den Gemeindefinanzen wurde es von Jahr zu Jahr schwieriger. Wer von den Gemeindemitgliedern viel verdiente und deshalb hohe Kirchensteuern bezahlen musste, dem war das Geld einfach zu schade. Erst recht denjenigen, die ein Haus auf der Insel besaßen und es verkaufen wollten. Er oder sie trat vor dem Verkauf einfach aus der Kirche aus. Tipp des Steuerberaters: Da kannst du sparen. – Hab ich doch nicht nötig, denen von der Kirche soviel Geld in den Rachen zu werfen.

 

Liebe Gemeinde!
am Donnerstagnachmittag fragte mich ein Jugendlicher – Originalton -: „Wann ist eure Vision denn zu Ende? Oder wie heißt das?“

 

Ich musste lachen. Ein toller Versprecher. Aber wie sollte er dieses seltsame Wort aus der Sprache „kirchdeutsch“ auch kennen: „Visitation“. Visite, ja den Begriff wird er wohl gekannt haben: Diese vielfach karikierte und manchmal ja auch wirklich seltsame Situation: Wenn der Chefarzt mit wehendem weißen Kittel, mit einer entsprechenden Aura und dem üblichen Tross aus untergeordneten Ärzten und Schwestern im Gefolge ins Krankenzimmer kommt und den Patienten pflichtgemäß, aber innerlich nicht wirklich Anteil nehmend und sprachlich ziemlich unsauber fragt: „Na, wie geht’s uns denn heute?“

 

Visitation 2010. Was könnte das sein, was könnte das bedeuten und was könnte das uns als Kirchengemeinde hier auf der Insel bringen, wenn unsere „Chefärztin“, die Superintendentin von Esens herüberkommt, mit dem Kirchenvorstand, dem Pastor und den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern spricht, mit Vertreterinnen und Vertreter anderer Institutionen der Insel Gespräche führt, um die aktuelle Situation der Menschen und insbesondere eben auch der evangelischen Christen und der evangelischen Kirchengemeinde auf Langeoog ein wenig näher kennenzulernen.
Visitation 2010, die in dieser Woche stattfand und in dem Gottesdienst heute ihren Abschluss und festlichen Höhepunkt findet – ist sie „VISITE“: im Sinne eines kurz mal Hereinschneiens und eines kaum wirklich interessierten „Na, wie geht’s uns denn heute?“

 

Oder löst sie bei den verantwortlich Leitenden, dem Kirchenvorstand, dem Pastor und den haupt- und ehrenamtlichen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern so etwas wie eine „VISION“ aus? Beflügelt sie die Phantasie? Bringt sie neue Ideen hervor, für neue Ziele, neue Schwerpunkte in der Gemeindearbeit, für neue Projekte, die in der nächsten Zeit in die Tat umgesetzt werden sollen?

Eines kann ich, glaube ich, im Namen all derer sagen, mit denen Du, liebe Angela Grimm, in den vergangenen Tagen als Superintendentin gesprochen hast. Eine oberflächliche Visite à la „Na, wie geht’s uns denn heute?“ war die Visitation gewiss nicht. Du hast Dich offen und wirklich interessiert gezeigt, wie dieser und jener seine eigene Arbeit in der und für die Gemeinde empfindet, die Situation der Gemeinde und der Menschen auf unserer Insel. Du hast Dir viel Zeit genommen. Du hast intensiv zugehört. Du hast dir selbst einen Eindruck verschafft und diese deine Eindrücke im Gespräch mit dem Kirchenvorstand am Donnerstag in aller Offenheit wiedergegeben. Du hast positiv gewürdigt und gelobt – aber genau so auch Kritik geübt und Knackpunkte benannt.

 

Keine Chefarzt-Visite. Sondern Visite eher in dem ganz wörtlichen Sinne des Wortes, wie wir es aus dem Englischen kennen und wie es in dem plattdeutschen Wort „Pupp-Visit“ vorkommt: Ein echter freundschaftlicher Besuch, bei dem man freudige Ereignisse teilt.


Und „freundschaftlich“ in dem Sinne, dass eine Freundschaft es auch verträgt, dass der eine kritische Dinge ausspricht und der andere sie hört und sich zu Herzen nimmt, ohne dem Besucher dessen kritische Äußerungen übel zu nehmen und ihn sogleich vor die Tür zu setzen.

 

Aber,
liebe Frau Superintendentin, liebe Gemeinde aus Langeoogern und Gästen,
mir gefällt auch das Sprachspiel des Jugendlichen mit der „Vision“ sehr gut.
Von dem früheren Bundeskanzler Helmut Schmidt ist zwar der Spruch überliefert: „Wer Visionen hat, der sollte zum Arzt gehen …!“ Mit dieser abwertenden Bemerkung versuchte der „Realpolitiker“ Helmut Schmidt Ende der 70er Jahre die Visionen der erstarkenden Friedensbewegung von einem „Frieden ohne Waffen“ (vor allem: ohne atomare Waffen) lächerlich zu machen.
Aber können wir ohne Visionen leben? Hätte es jemals irgendeinen Fortschritt auf dem Gebiet der Technik, aber auch auf dem Gebiet der Humanität, des Zusammenlebens der Menschen und der Völker gegeben, wenn nicht einzelne Menschen ihre Visionen, Ihre Träume und verrückten Ideen kundgetan hätten und andere mit und nach ihnen diese Ideen aufgegriffen und in die Tat umgesetzt hätten? Und siehe – die Vision wurde mit einem Mal Wirklichkeit.

 

Ich finde, wir müssten die Worte des Altkanzlers von damals heute genau umdrehen: Nicht derjenige muss zum Arzt, der Visionen hat, sondern derjenige, der keine Visionen hat. Warum? Weil die Wirklichkeit, die Sachzwänge und die vermeintlich unverrückbaren Tatsachen einen krank machen können.


Die Wirklichkeit, in der wir leben, ist eben nicht das Paradies. Nicht mehr und noch nicht. Die Wirklichkeit, in der wir leben, ist eine gebrochene Wirklichkeit, keine heile Welt, sondern eine Welt mit Brüchen und Widersprüchen.

 

Und dasselbe gilt für die Wirklichkeit der Kirche und der Kirchengemeinden auch. Auch unserer Kirchengemeinde hier auf Langeoog.


Manche, gerade die Urlauberinnen und Urlauber denken vielleicht, hier auf dieser Insel sei die Welt noch in Ordnung, hier sei doch das Paradies. Und, seien wir ehrlich, ein bisschen befördern wir Insulaner doch alle auch, dass die Gäste dies so empfinden. Sie sollen ja gerne hierher kommen, in unser kleines „Urlaubsparadies“. Sie sollen sich hier wohlfühlen. Und sie sollen wiederkommen.
Es ist schön, hier zu leben – ja. Es macht Freuden, in dieser Kirchengemeinde mitzuarbeiten – ja, weil unsere Angebote so gut angenommen werden und viele sich freundlich bedanken für das, was wir hier machen.

 

Aber heile Welt? Alles in Ordnung und eitel Sonnenschein in unserer Gemeinde?
„Die Menge der Gläubigen aber war ein Herz und eine Seele“

 

Liebe Gemeinde,
das stimmt doch nicht. Und das geht doch auch gar nicht. Ich habe das beim Vorlesen des Predigttextes durch meine provokativen Einwürfe schon versucht, deutlich zu machen.
Ob Ehe, Familie, eine Partei, die Dorfgemeinschaft oder einen Kirchengemeinde – wenn es heißt, alle – alle! - seien doch „ein Herz und eine Seele“, dann ist mir das verdächtig. Meistens stecken doch verborgene Machtstrukturen hinter solch einer Bemerkung: einer bestimmt ganz egoistisch, wo es lang geht, und die anderen passen sich unterwürfig an – aus Angst oder um Ärger und schlechte Stimmung zu vermeiden.

 

Nein, ich bin überzeugt, der Predigttext beschreibt keinen Ist-Zustand, sondern eine Vision!
Denn auch in der allerersten Gemeinde waren nicht alle „ein Herz und eine Seele“. Da wurde laut und heftig gestritten um die richtige Auslegung der Worte Jesu, der ja nicht mehr persönlich anwesend war.


Es gab Streit, richtig Krach, um die Frage, welche Gebote des jüdischen Glaubens denn für Menschen gelten, die als Nicht-Juden (als Heiden) zum christlichen Glauben kamen. Müssen die Männer unter ihnen sich beschneiden lassen? Müssen alle bestimmte Speise- und Fastengebote einhalten, wie die Judenchristen es gemäß ihrer ursprünglichen Religion noch immer praktizierten? Die Briefe des Apostels Paulus sind eindeutige Belege für diese Streitigkeiten unter den ersten Christinnen und Christen.


Auch wir, die wir in unserer Kirchengemeinde mitarbeiten, haupt- oder ehrenamtlich, sind nicht immer „ein Herz und eine Seele“. Ganz gewiss nicht. Das muss auch nicht sein. Das ist vielleicht auch gar nicht möglich, weil das Herz des einen für diese Sache schlägt und das Herz einer anderen für jene Sache.


Manchmal denke ich: Eher ist es umgekehrt: Wir müssten in der Kirche das Streiten wieder lernen.
Den fairen Streit, bei dem es um die Sache geht. Und bei dem nicht jedes Wort, jedes Argument, jede von meiner eigenen Meinung abweichenden Meinung von meinem Gegenüber persönlich genommen wird.


Ich habe den Eindruck: wir streiten zu wenig – um Sachfragen, eben weil der andere es persönlich nehmen könnte. Und so schweigen wir, kehren Dinge unter den Teppich, anstatt sie auf den Tisch zu legen, lächeln uns christlich-freundlich an und treten mit bösen Worten nach, wenn der andere nicht dabei ist.


Meine Vision von Gemeinde ist, dass wir immer wieder den fairen, offenen Streit üben über Dinge, die strittig sind, ohne zu beleidigen oder selbst beleidigt zu sein. Und eine Lösung zu finden, die der Sache dient.

 

Liebe Gemeinde,
ob die andere Bemerkung, dass „alle alles gemeinsam“ hatten, wie der Evangelist Lukas in der Apostelgeschichte schreibt, wirklich so gewesen ist, darf wohl auch bezweifelt werden. Unmittelbar nach dem Predigttext erzählt Lukas nämlich selbst von zwei Christen der Jerusalemer Ur-Gemeinde. Sie verkauften ihren Acker, aber einen Teil des Verkaufserlöses behielten sie für sich zurück.


Das passt überhaupt nicht in das Bild der heilen Welt, wie es in der Gründerzeit des Christentums gewesen sein soll.


Es ist eine Vision: So könnte es sein, so sollte es sein, dass die, die nun einmal viel haben, weil sie gut geerbt oder das Glück eines geordneten Elternhauses und einer guten Bildung genossen haben, - dass die mehr Geld für die Gemeinde geben als die armen Schlucker.

 

Wie schön wäre es, wenn den Reichen in unserer Gesellschaft ihr Geld nicht zu schade wäre, es in Form von Steuern der Gesellschaft und in Form von Kirchensteuern der Kirche zukommen zu lassen, leichten Herzens, ohne Murren, sondern gern und aus Überzeugung, weil starke Schultern mehr tragen können als schwache Schultern.


Wenn das mit dem Kommunismus schon schief gegangen ist, bei dem nicht durch Überzeugung, sondern durch Zwang alle „alles gemeinsam“ hatten, dann wäre es doch herrlich wenn in unserer freiheitlichen und demokratischen Gesellschaft die Reichen unter uns freiwillig und gerne geben.

Ob alle Apostel, alle leitenden Personen, in der ersten Gemeinde tatsächlich glühende Verfechter des neuen Jesusglaubens waren, begnadete Prediger und beeindruckende Persönlichkeiten, auch das möchte ich bezweifeln. Über den Apostel Paulus kursierten jedenfalls abfällige Bemerkungen in den ersten Christengemeinden, dass er als Redner doch wenig mitreißend sei.

 

Aber das ist doch eine faszinierende Vision, dass nicht nur der Pastor und einige wenige andere Persönlichkeiten einer Kirchengemeinde über ihren persönlichen Glauben und über den Glauben im Allgemeinen zu sprechen, sondern viele aus der Gemeinde in der Lage sind, mit ihren eigenen Worten zu sagen, was sie glauben, was sie bewegt und was sie hoffen.


Liebe Gemeinde,
wir haben uns Anfang dieses Jahres zu einem Projekt angemeldet, das nennt sich „Attraktive Gemeinde“. Gestern Abend spät sind wir von dem zweiten Seminartag dieses Projektes „Attraktive Gemeinde“ zur Insel zurückgekommen. Eine spannende Sache war das gestern und vorgestern. Und anstrengend war es auch.

 

„Attraktive Gemeinde“, das klingt für den einen oder die andere vielleicht irgendwie angeberisch. Jeweils drei Vertreterinnen und Vertreter aus 12 Gemeinden unserer Landeskirche haben sich bislang zweimal getroffen und treffen sich noch ein drittes Mal. Wir haben die Stärken und die Schwächen unserer eigenen Gemeinde analysiert. Das war eine schöne Erfahrung: dass wir uns selbst bewusst gemacht haben: Ja, auf diesem und auf jenem Gebiet der Gemeindearbeit sind wir „attraktiv“ (auf anderen Gebieten sind wir nicht so gut).


Wir sind ja eher gewohnt, die Defizite, das Schlechte, die Mängel zu sehen, bei uns und bei anderen.


Doch hier geht es darum, erst einmal das Positive zu benennen und zu würdigen. Und das tut gut. Dafür ist dieses Projekt „Attraktive Gemeinde“ gut. Und dafür ist auch eine Visitation gut. Wahrzunehmen, was schon jetzt gut ist und gut läuft.

 

Ohne jedoch dabei stehen zu bleiben und zu sagen: Alles ist prima. Die Kirche ist sonntags immer gut besucht. Die Gäste sind zufrieden. Und die Langeooger sind zufrieden, wenn die Gäste zufrieden sind. Warum sollen wir uns Gedanken machen. Visionen – warum und wofür?


Nein, in einem zweiten Schritt wollen wir genauer hinsehen, was alles kann und was soll besser werden. Wenigstens ein Projekt werden wir uns herausgreifen und es angehen.

 

Wir dürfen attraktiv sein und wir sollten es auch sein wollen. Aber bitte, ohne abzuheben und eingebildet zu werden. Und ohne selbstzufrieden und bequem zu werden.

 

Eine gewisse Unruhe, der gewisse skeptische und kritische Blick auf alles, was wir als Kirchengemeinde auf dieser Insel machen, das sollten wir beibehalten.

 

„Wann ist eure Vision zu Ende?“ hatte der Jugendliche gefragt.

Meine Antwort: ich hoffe niemals!

Amen.