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Predigt am Sonntag „Reminiszere“ (28.2. 2010)

 

- zum Rücktritt der EKD-Ratsvorsitzenden
und Landesbischöfin Dr. Margot Käßmann am 24.2. 2010 -

 

Text: Johannes 8, 1-11 (Jesus und die Ehebrecherin)

 

Liebe Gemeinde,

 

als Margot Käßmann am vergangenen Mittwoch auf einer Pressekonferenz ihren Rücktritt von allen ihren kirchlichen Ämtern erklärte, zitierte sie einen Satz aus der Bibel: „Bleibe bei dem, was dein Herz dir rät.“ Und ihr Herz riet ihr offensichtlich: Lass es sein. Leg alle Ämter nieder. Tritt zurück. Das hat sie getan.

 

In zahlreichen Reaktionen von Kirchenleuten, von Politikern oder auch von einfachen Leuten, die einen Kommentar ins Gästebuch auf der Internetseite unserer Landeskirche geschrieben haben, ist von „Achtung“ und „Respekt“ vor dieser Entscheidung die Rede. Und davon, dass diese schnelle und konsequente Entscheidung zu der Gradlinigkeit von Margot Käßmann passen würde.

 

Achtung, Respekt, gradlinig, konsequent – ich kann diese Bewertungen nachvollziehen und teile sie auch. Dennoch bleibt bei mir eine große Traurigkeit zurück. Und die Frage: War dieser schnelle Schritt, alles hinzuwerfen, wirklich notwendig, die einzige Möglichkeit, die sie hatte? Margot Käßmann, darin sind sich beinahe alle einig, die sich in diesen Tagen zu Wort gemeldet haben, ist eine der profiliertesten Köpfe, die der Protestantismus in Deutsch-lind in der Gegenwart zu bieten hat. Sie hat der evangelischen Kirche eine Stimme und ein Gesicht verliehen. Und ich habe mich oft gefreut und war auch ein wenig stolz darauf, dass sie an der Spitze unserer Landekirche stand.

 

Ob in Interviews oder Talkshows, auf kirchlichen Konferenzen oder als Gastrednerin bei „weltlichen“ Tagungen, als Predigerin oder Buchautorin – sie spricht eine Sprache, die auch der „kleine Mann“ und die „kleine Frau“ auf der Straße verstehen. Sie benutzt keine hohlen theologischen Formeln, sondern übersetzt die Botschaft des Evangeliums in die Sprache des Alltags. Und man nimmt ihr ab, dass sie glaubt, was sie sagt. Dies alles war ihre Stärke. Dies alles waren Gründe, warum sie so populär war in ihren kirchlichen Ämtern. Auch als Landesbischöfin und als Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutsch-lind blieb sie menschlich-natürlich. Der Mensch Margot Käßmann. Mensch Margot. Eine Frau zum Anfassen. Genau so haben manche von Euch und Ihnen sie erlebt bei ihrem Besuch auf Langeoog im Sommer 2006.

 

Und zwischen damals uns jetzt liegen dieses dämliche letzte Wochenende und die Ereignisse der letzten Tage. „Mensch, Margot!“ Was hat dich da bloß geritten? habe ich mich gefragt und hätte ich sie gern gefragt. Was war da an jenem Abend bloß los mit dir, als du dich mit reichlich Alkohol im Blut hinters Steuer setztest anstatt jemand anderen fahren zu lassen, dir ein Taxi zu rufen oder die Straßenbahn zu benutzen? Schließlich ist doch das Nahverkehrsnetz für eine Frau, die in der Landeshauptstadt unterwegs ist, am Wochenende bis in die Nacht hinein tausend mal besser als für jemanden, der auf dem platten Land lebt. Mensch, Margot, die du sonst deine warnende Stimme bei allen möglichen Gelegenheiten erhebst – wieso hat an jenem Abend keine warnende Stimme in dir sich zu Wort gemeldet und gesagt: „Halt, stopp - Du darfst jetzt nicht mehr Auto fahren!“? Mensch, Margot, was waren das für Leute, mit denen du am vergangenen Samstag zusammen warst und mit denen du wohl mehr als nur „ein Gläschen Wein“ getrunken hast – war denn keiner dabei, der dir gesagt hat: „Mensch, Margot, lass den Wagen stehen!“?

 

Ja, das war ein großer Fehler, den sie gemacht hat. das hat sie selbst wohl sofort in dem Augenblick erkannt, in dem die Polizei mit der roten Kelle ihren Wagen stoppte. „Ich bin erschrocken über das, was ich gemacht habe und ich bereue es zutiefst …“ So stand es am Dienstag in der BILD-Zeitung. Nicht nur sie selbst war erschrocken, viele andere waren es wohl auch. Erschrocken, dass dieser klugen Frau solch ein blöder Fehler passiert ist.

 

Eine rote Ampel überfahren, 1,54 Promille im Blut – das ist kein Kavaliersdelikt. Damit hat sie nicht nur sich selbst, sondern auch andere auf der Straße gefährdet. Es hätte schlimm enden können auf jener Kreuzung in Hannover, wenn jemand zur selben Zeit bei Grün von rechts oder links gekommen wäre. Sie hat Glück gehabt. Tausend Schutzengel. Und andere Verkehrsteilnehmer, die zeitgleich mit ihr unterwegs waren, hatten dieses Glück und diese Schutzengel ebenfalls. Es war ein großer Fehler. Ein grober Fehltritt für eine Frau in ihren Ämtern. Es war ein ziemlich heftiger Verstoß gegen die Straßenverkehrsordnung. Eine „Verkehrssünde“. Eine Eintragung in die Verkehrssünderkartei in Flensburg, Entzug des Führerscheins für eine gewisse Zeit und möglicherweise eine Geldstrafe sind die Folgen – auch für eine Landesbischöfin. Damit hätte sie leben müssen, wenn sie im Amt geblieben wäre. Damit muss sie leben – auch wenn sie nun zurückgetreten ist.

 

Aber – muss solch ein Fehler, muss solch eine einmalige „Verkehrs-Sünde“ zwangsläufig zum Rücktritt von allen Ämtern führen? Auch als Landesbischöfin und als Ratsvorsitzende ist sie doch „auch nur ein Mensch“. Keine Heilige – zum Glück nicht. Nur ein Mensch, und das heißt: anfällig für menschliche Schwächen. Ihre Krankheit, ihre Scheidung, über die sie öffentlich sprach, haben sie in den Augen vieler Menschen gerade nicht schwächer, sondern stärker gemacht. Und ich bin mir sicher: selbst solch einen blöden Fehler, mit Alkohol am Steuer erwischt zu werden, hätten ihr die meisten Menschen verziehen, wenn sie im Amt geblieben wäre.

 

„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“. Auch dieser Satz aus der Bibel ist in den vergangenen Tagen öfter einmal zitiert worden. Ich finde, zu Recht. Und seien Sie doch mal ehrlich: Gibt es unter uns hier irgend jemanden, der mit hundertprozentiger Sicherheit sagen könnte: - Ich bin noch nie bei Rot (dunkelorange oder hellrosa) über eine Kreuzung gefahren oder mit einem gewissen Alkoholpegel im Blut? Oder habe noch nie jemandem die Vorfahrt genommen und nur mit ganz viel Glück ist nichts passiert? - Ich war noch nie in der Versuchung, diesen oder jenen Schaden doch über die Versicherung abzurechnen anstatt, wie es rechtens gewesen wäre, ihn selbst zu tragen? - Ich habe bei der Steuererklärung noch nie versucht, auch dieses oder jenes noch Steuer mindernd geltend zu machen, was zumindest am Rande der Legalität war?

 

„Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein“. Wer von uns könnte behaupten, dass er oder sie „ohne Sünde“ sei? Dieser eine Satz, den Jesus, denen vorhält, die schon die Steine in der Hand halten, um die Ehebrecherin damit zu steinigen, - dieser eine Satz bewirkt, dass alle, die Ankläger und Richter zugleich spielen, ihren Stein fallen lassen. Einer nach dem anderen. Die Ehebrecherin bleibt am Leben. „Dann verdamme ich dich auch nicht“, sagt Jesus, als er mit der Ehebrecherin allein ist. Er lässt Gnade vor Recht ergehen. Dennoch bleibt das Unrecht Unrecht und der Fehler ein Fehler und die Sünde eine Sünde. „Geh hin und sündige hinfort nicht mehr!“ mahnt Jesus die Frau abschließend.

 

Diese Worte aus der Bibel hätte ich Margot Käßmann gerne gesagt und sie herzlich gebeten, im Amt zu bleiben. Ich weiß, sie wäre angeschlagen gewesen. Eine Bischöfin betrunken hinterm Steuer – das hätten Satiriker sofort und Büttenredner und Motivwagenbauer auch noch im nächsten Karneval genüsslich ausgeschlachtet. Bestimmte Medien hätten weiter herumgeschnüffelt und ans Tages-licht gezerrt, mit wem sie an jenem Abend wo und was gefeiert hat und welche Weinsorte dabei getrunken worden ist.

 

Und wenn Margot Käßmann in ihrem Amt in einer Predigt, einem Interview oder einer Talkshow wieder mal kritisch Stellung bezogen hätte zu einer politischen oder gesellschaftlichen Frage, dann hätten ihre Gegner ihr unter die Nase halten können: „Und du – was hast du damals gemacht?!“ Vermutlich wollte Margot Käßmann durch ihren Rücktritt auch dieses zu erwartende öffentliche Spießrutenlaufen, das es mit Sicherheit gegeben hätte, vermeiden.

 

Mich bringt das zu der Frage: Wie viel Mensch darf einer sein, der ein öffentliches Amt bekleidet? Wie viele Fehler und Schwächen gestehen wir ihm zu? Klar ist: Wer ein öffentliches Leitungsamt innehat, wer prominent ist in der Politik, in der Wirtschaft, im Sport im Showgeschäft oder in der Kirche, der steht unter verschärfter Beobachtung durch die Medien und damit auch durch die Öffentlichkeit – sprich durch uns alle. Doch wenn einer dieser „Stars“ einen Fehler macht, eine Schwäche zeigt – oder im Sport nicht die Leistung bringt, die man von ihm erwartet, dann beginnt in den Medien eine Schmutz- und Hetzkampagne, die erinnert mich an eine englische Fuchsjagd. Da wird zur Jagd auf ein "Opfer" geblasen, die Meute der Jäger und Jagdhunde hetzt los, wild durcheinander. Und gibt erst Ruhe, wenn das Opfer erlegt ist. Angeschlagene Menschen werden in unserer Medienlandschaft erbarmungslos totgeschrieben und totgequasselt, keine Chance zum Überleben. Und die Zuschauer stehen geifernd glotzend am Rande dieser Menschenjagd. Zwei Tage lang steht der Fall Margot Käßmann nicht nur auf der Titelseite der BILD-Zeitung, sondern ist die Topmeldung selbst in der Tagesschau und anderen seriösen Nachrichten-Sendungen in Radio und Fernsehen.

 

Ja, haben wir denn keine anderen Probleme in unserem Land und in der Welt?! Und - wo bleibt die Menschlichkeit im Umgang mit den Menschen, die im Rampen-licht stehen?

 

Und eine Frage, die mich bewegt, die aber in den vergangenen Tagen überhaupt niemand gestellt hat: Wie kam die Nachricht überhaupt an die Medien? Haben etwa die Polizisten, die das Auto mit der Bischöfin gestoppt haben, trotz ihrer Pflicht zur Verschwiegenheit die Meldung mit Namen und Promillegehalt im bischöflichen Blut an die Medien weitergegeben? Oder Angestellte der Arztpraxis oder des Krankenhauses, wo Margot Käßmann eine Blutprobe entnommen wurde? Oder waren es Leute, die sie zwar ins Auto einsteigen sahen, aber nicht verhindert haben, dass sie es tat?

 

Margot Käßmann hat sofort ihren Fehler öffentlich eingeräumt und bereut. Und sie hat sich ohne lange Bedenkzeit entschieden: Ich trete zurück. Darin kann sie ein Vorbild sein für konsequentes Handeln. Andere versuchen noch lange Zeit, ihre Fehler zu vertuschen, geben nur gerade so viel zu, wie sowieso an die Öffentlichkeit kommt, kleben an ihren Posten und Vorstandsstühlen, reißen ganze Wirtschaftszweige in die Krise und fordern trotzdem ihre Bonuszahlungen in Millionenhöhe, die in ihren Verträgen stehen, die zu besseren Zeiten geschlossen wurden. Ich bedaure den Rücktritt von Margot Käßmann trotzdem. Und ich wünschte, sie wäre geblieben. Sie hat ihren Fehler öffentlich eingestanden und ehrlich bereut. Sie hätte sich jetzt selbst eine Zeit der Buße und des Schweigens auferlegen können (einige Wochen vielleicht), um dann ihre Amtsgeschäfte wieder aufzunehmen. Vor wenigen Monaten hat sie in einer Trauerfeier um den Hannoveraner Torwart Robert Enke beklagt, dass Menschen nicht über ihre Schwächen reden mögen und dadurch noch tiefer in die Einsamkeit und Depression getrieben werden. Wäre sie im Amt geblieben, hätte sie auch solchen Menschen zum Vorbild werden können, die auch Fehler gemacht haben wie sie, die angeschlagen sind wie sie, und die trotzdem mit diesem Makel in ihrer Biografie leben müssen und nicht einfach aus ihrem Beruf aussteigen oder von ihrem Wohnort wegziehen können. Sie hätte zeigen können, dass das möglich ist: zu bleiben, auch mit einem Makel behaftet. Denn auch diese Worte aus dem alten heiligen Buch gehören doch zu unserem Schatz, auf den wir unseren Glauben gründen: „Allen, die an ihn glauben, sollen die Sünden vergeben werden.“ „Und: „Gottes Kraft ist in den Schwachen mächtig.“

 

In vielen würdigenden Kommentaren der letzten Tage wurde ihre Rolle zu sehr auf die einer „Moralapostelin“ reduziert. Aber auch als Bischöfin und EKD-Ratsvorsitzende ist sie doch mehr als bloß Mahnerin in politischen oder gesellschaftlichen Fragen. Sie war doch auch in diesen Ämtern weiterhin Predigerin, Seelsorgerin, Zeugin für einen zeitgemäßen Glauben. Und ihre Glaubhaftigkeit und Glaubwürdigkeit bezog ihre Kraft gerade von daher, dass sie authentisch, ehrlich und geerdet wirkte. Und gerade nicht: über den Dingen schwebend, besserwisserisch, unangreifbar oder gar heilig. Wir haben keinen „Heiligen Vater“ in Rom und keine „Heilige Mutter“ in Hannover, die eine besondere Weihe hätte. Sondern eine „Schwester Bischöfin“, für eine gewisse Zeit in ein Amt gewählt. Einen Menschen. Eine Frau.

 

Doch vielleicht war diese zierliche Frau gar nicht so stark wie sie nach außen schien. Vielleicht war ihre Einsamkeit – nach ihrer Scheidung und weil man einfach einsam wird, wenn man an der Spitze steht – weitaus größer, als wir „kleinen Leute“ an der Basis uns das vorstellen können. Vielleicht war der Druck und der Stress in der Vierfachbelastung: Landesbischöfin, Ratsvorsitzende, Mutter und unter Dauerbeobachtung der Medien viel größer als sie selbst sich das ausgemalt hat.

Schade - Margot Käßmann wird uns fehlen: an der Spitze unserer Landeskirche und als Repräsentantin der gesamten Evangelischen Kirche in unserem Land. Ich wünsche und hoffe, dass sie in absehbarer Zeit wieder eine Position in der Kirche finden wird, in der sie sich wieder zu Wort meldet – genau so klar und glaubhaft, wie sie es bis zu dieser Woche getan hat.

 

Amen.